Wenn von jetzt auf gleich alles anders ist

Karsten Pfeifer_05Vor 7 Wochen startete Karsten Pfeifer beim „1/2 Iron Triathlon“ am österreichischen Röcksee. Der 43-Jährige war topfit. Beim Rennen krachte er in ein Auto, das plötzlich auf der Stecke stand und ihm die Vorfahrt genommen hatte. Seitdem ist Karsten querschnittsgelähmt.

 

Es fällt schwer, sich vorzustellen, wie es ist, wenn man plötzlich von einer Sekunde auf die andere ans Bett gefesselt ist, Schmerzen hat, sich wundliegt, nicht mehr gehen kann und komplett auf fremde Hilfe angewiesen ist. Noch vor wenigen Wochen lief Karsten Pfeifer aus München persönliche Halbmarathon-Bestzeit. Sein großes Ziel 2016 war es, sich für die Ironman 70.3-Weltmeisterschaft in Australien im September zu qualifizieren. Dafür hat er gebrannt und jede freie Minute in sein Training investiert. Karsten ist definitiv „tri-infected“. Triathlon ist seine große Leidenschaft. Es war sein Ding, seit er mit Anfang 30 erst mit dem Laufen, dann mit dem Radeln und danach mit dem Schwimmen angefangen hatte. Darüber hinaus begeisterte er andere für seinen Sport, gab ihnen Tipps zum Training und motivierte unsportliche Menschen, selbst aktiv zu werden.


Frontalkollision mit einem Auto
Bis zum 7. Mai 2016 lief alles nach Plan. Der 43-Jährige reiste an diesem ersten Maiwochenende nach Österreich, um beim „1/2 Iron Triatlon“ am Röcksee seine erste Mitteldistanz in dieser Saison zu absolvieren. Das Schwimmen lief gut. Das Radfahren auch … bis Kilometer 50, da tauchte plötzlich – bei einer Geschwindigkeit von rund 40 km/h – aus dem Nichts ein Auto quer auf der Straße auf. Eine 19-Jährige fuhr mit ihrem Auto aus einer kleinen Seitenstraße auf die Rennstrecke, weil sie die Athleten vermutlich nicht gesehen hatte. Zunächst hielt die Autofahrerin laut der Aussage eines anderen Teilnehmers – der ebenfalls in den Unfall verwickelt wurde – an, um dann unvermittelt weiterzufahren und damit beide Fahrbahnen zu blockieren.

Karsten hatte zwar noch versucht, zu bremsen, aber er hatte keine Chance. Er krachte frontal in das Auto der 19-Jährigen und kam mit vielen Brüchen an Brustwirbeln, dem Schlüsselbein, der Schulter und einer kollabierten Lunge auf die Intensivstation nach Graz. Die fatale Diagnose lautete: Karsten ist seit dem 7. Mai ab dem 7. Brustwirbel querschnittsgelähmt und kann nur noch seine Arme bewegen. Nach einer ersten Operation konnte der Unternehmensberater mittlerweile auf in die BG Unfallklink nach Murnau verlegt werden.

„Ich habe mich schnell mit meiner Situation auseinandergesetzt. Gedanken wie, was wäre gewesen, wenn … gibt es bei mir nicht. Mein Traum ist es, irgendwann wieder gehen zu können und so schnelle gebe ich diese Hoffnung nicht auf“, erzählt Karsten am Telefon. „Es wird sicher dauern und ich werde wohl sehr geduldig sein müssen“, ergänzt er zuversichtlich. Noch ist sein Rückenmark in einem spinalen Schock. Erst wenn die Schwellungen abgeklungen sind, wird man abschätzen können, wie schwer die Verletzungen der Nerven sind und ob sein Traum irgendwann Realität werden kann.

Ich habe einen Traum
Für Freunde und Außenstehende ist es sehr beeindruckend, wie positiv Karsten mit der alles andere als einfachen Situation umgeht. An einem Tag geht aufgrund von Kreislaufproblemen rein gar nichts, am anderen kämpft er zu allem Übel zusätzlich mit einer Harnwegsinfektion und dadurch ausgelöstem dreistündigem Dauerschüttelfrost. Auch die für frische Querschnittspatienten normalen Stimmungsschwankungen bleiben bei ihm nicht aus. Jeder Tag ist eine neue Herausforderung.

„Ich freue mich darüber, wenn ich etwas ‚kräftiger’ werde, weniger Schmerzmittel nehmen muss und die ersten Ausflüge mit dem Rollstuhl machen kann“, spricht Karsten bittere Worte mit viel Fassung aus. „Ich weiß, dass ich nichts erzwingen kann, aber negative Gedanken und negativ eingestellte Menschen bringen mich nicht weiter, daher schaue ich momentan nur nach vorne und denke ans Gehen und nicht ans Sitzen im Rolli. Es gibt derzeit nur Plan A in meinem Kopf. Über Plan B mag ich mir noch keine Gedanken machen. Und ich freu mich schon darauf mit meinen Physiotherapeuten mit dem Training anfangen zu können“, gibt sich der schon immer ehrgeizige Sportler kämpferisch.

Wir wollen Karsten begleiten
Karsten ist ein sehr offener Mensch, dem es wichtig ist, über sein Schicksal sprechen zu können und anderen Menschen etwas die Hemmung und die Angst zu nehmen, wie man mit Querschnittspatienten umgehen sollte. Daher wollen wir Karsten in den nächsten Wochen in seiner Reha begleiten. Der 43-Jährige wird in unregelmäßig regemäßigen Abständen selber darüber schreiben, wie es ihm geht und welche Gedanken ihn beschäftigen.

Die tritime-Redaktion drückt beide Daumen und wünscht alles erdenklich Gute und gute Besserung.

Karsten Pfeifer_08

Keep on burning, Karsten!

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Text: Meike Maurer
Fotos: Sebastian Rothe Photography