Sebastian Kienle: Die Vorbereitung war sehr gut

Sebastian Kienle, Hawaii 20174, 3, 1, 8, 2 und 4 lauten die Platzierungen von Sebastian Kienle beim Ironman Hawaii. Mit der besten Vorbereitung der vergangenen sechs Jahren im Rücken stellt sich der Weltmeister von 2014 am 13. Oktober der Konkurrenz.

 

Sebi, Du hast in diesem Jahr im Training neue Wege beschritten: Im Frühjahr warst Du nicht nur in Arizona, sondern auch in Südafrika, den Sommer über in der Höhe in Livigno. Wie kam es zu dieser Änderung in der Trainingsroutine?
In den letzten sechs Jahren stand ich in Kona immer im Glauben an der Startlinie, dass ich dort auch gewinnen kann. Im Wettkampf selbst habe ich auch ein jedes Mal gezeigt, dass ich das Potential dazu habe. Dementsprechend wollten wir auch nicht alles über den Haufen werfen. Ein paar Anpassungen gab es schon, wenn auch keine absolut gravierenden. Mein Trainer Lubos Bilek und ich haben vielmehr an kleinen Stellschrauben gedreht.

Ich wollte ein paar Sachen machen, die dazu beitragen sollten, mir die Freude am Sport zu erhalten, wie zum Beispiel das Mountainbikerennen Cape Epic, das ich im Team mit Ben Hoffmann bestritten habe. Sicherlich war dies auch ein wenig risikobehaftet, aber wenn man so lange im Sport ist und immer nur alles abwägt und kalkuliert, dann macht es irgendwann auch keinen Spaß mehr. Es war auf jeden Fall eine schöne und tolle Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Und das Training in der Höhe?
Bislang war ich nicht wirklich ein großer Verfechter des Höhentrainings, aber das Camp in Livigno hat nicht nur sehr gut geklappt, sondern auch sehr viel Spaß gemacht. Rückblickend betrachtet war dies nach der Challenge Roth die beste Vorbereitung für Hawaii, die ich in den vergangenen sechs Jahren gemacht habe.

Ein weiterer Punkt ist, dass ich dieses Jahr nicht bei der 70.3-WM am Start war. Stattdessen absolvierte ich in Turku und am Walchsee zwei Mitteldistanzen, und auch das war vor dem Hintergrund des geringeren Reisestresses die richtige Entscheidung. Darüber hinaus wäre bei dem starken Feld in Südafrika eine spezifischere Rennvorbereitung vonnöten gewesen, um auch nur eine kleine Chance auf eine Podiumsplatzierung zu haben, geschweige denn, das Rennen zu gewinnen. Und dementsprechend war die Fokussierung auf Kona absolut richtig.

Wie schnell hast Du – auch nach Analyse der Daten – festgestellt, dass dieser Weg für 2018 richtig war?
Ob das der richtige Weg war, weiß ich definitiv erst am 13. Oktober, aber ich bin absolut davon überzeugt, dass die Vorbereitung insgesamt sehr, sehr gut geklappt hat. Im Hinblick auf 2019 gibt es bei einer ähnlichen Vorbereitung sicherlich noch ein kleines bisschen Optimierungspotential, aber insgesamt war das bereits ein Schritt nach vorne. Das eine ist das Gefühl, das andere sind die Daten, und diese sprechen, insbesondere beim Schwimmen und Radfahren, eine deutliche Sprache.

In Livigno hast Du viel mit dem Xterra World Champion Bradley Weiss trainiert. Wenn zwei Weltklasseathleten miteinander trainieren, wie sehr profitieren beide davon?
Mir hat es unheimlich viel Freude bereitet, mit Bradley zu trainieren. Im Frühjahr hatte ich in Südafrika bereits mit ihm und Flora Duffy trainiert. Das Schöne dabei ist, dass er – zwar in einer anderen Disziplin – den gleichen Sport macht, und genau dieser kleine Unterschied macht vieles einfacher, schließlich sind wir ja keine direkten Konkurrenten. Mit Bradley hatte ich einen absolut topfitten und sehr motivierten Athleten an meiner Seite. Das Training ist das eine, aber auch menschlich hat das sehr gut geklappt. Jeden Tag aufzustehen und sich auf einen neuen Trainingstag mit einem guten Freund zu freuen, das ist die Voraussetzung, so ein hartes Training über einen längeren Zeitraum auch durchzuhalten.

Faris Al-Sultan sagte in einem früheren tritime-Interview einmal: „Ein Profi fährt nicht an irgendeinem Hügel irgendwas, er fährt, was er sich vorher überlegt hat. Das ist nicht spannend, es ist Arbeit.“ Wie sehr nimmst Du im Training die Landschaft wahr, in der Du Deinen Plan „abarbeitest?
Für mich macht es definitiv einen Unterschied, ob ich jetzt irgendwo im Keller eine Einheit auf der Rolle beziehungsweise dem Laufband absolviere, oder in einer unheimlich tollen Landschaft, wie das jetzt in Livigno der Fall war, hier auf Hawaii oder einfach nur daheim. Draußen in der Natur zu trainieren, das ist ein Teil unseres Sports, das ist auch das, was ich am Triathlon so liebe. Keine Gegenstromanlage der Welt kann die Erfahrung ersetzen, mit 40 Delphinen im Wasser zu schwimmen.

Um auf die Aussage von Faris zurückzukommen, ja, es ist definitiv Arbeit. Ich fahre nicht irgendwo in der Landschaft rum, um mir irgendwelche Tourisachen anzuschauen, aber wenn die Arbeit in einer schönen Umgebung stattfindet, fällt mir die Arbeit definitiv leichter. Ansonsten bräuchte ich auch nicht in ein Trainingslager zu fahren.

Bei einem Athleten auf Deinem Niveau, entscheiden häufig kleine Stellschrauben im Training und Wettkampf über Sieg und Niederlage. Wie sehr schwimmt, fährt und läuft – auch gemeinsam mit Deinem Trainer Lubos Bilek – die Sorge vor dem Schreckgespenst Übertraining und Verletzungsgefahr mit?
Sicherlich schwingt die Sorge immer mit, zumal ich ja auch regelmäßig immer ziemlich große Probleme mit der Achillessehne habe, wie im Moment. Das ist immer ein sehr schmaler Grat, auf dem man sich da bewegt. Aktuell sieht man es bei Melissa Hauschildt und Jan Frodeno. Viele Profis schlagen sich mit diversen Problemen herum, aber das gehört leider auch dazu. Es ist ganz klar, dass das auf unserem Leistungslevel kein Gesundheitssport mehr ist. Aber wir haben das über die Jahre gut hingekriegt, auch mit der langjährigen Erfahrung, sich möglichst langsam an die Grenze heranzutasten. Nicht nur auf der einen oder anderen Seite der Grenze unterwegs zu sein, dass ist sicherlich eine der Stärken des Duos Kienle – Bilek. Das haben wir bislang ganz gut hingekriegt.

Welche Stellschrauben hast Du mit Blick auf Hawaii beim Material gedreht?
Es ist eigentlich fast alles sehr ähnlich geblieben. Ich werde definitiv einen neuen, sehr gut belüfteten Aero-Helm fahren, den wir nach den Tests auf der Bahn auch hier noch einmal ausgiebig getestet haben. Auch das wichtige Zusammenspiel zwischen dem Orca-Rennanzug und dem neuen Split Aero-Helm von Scott funktioniert wirklich sehr, sehr gut, sodass ich im wahrsten Sinne des Wortes einen kühlen Kopf bewahre, und darum geht es ja am 13. Oktober. Darüber hinaus fahre ich – im Vergleich zu 2017 – neue aerodynamisch angepasste Triathlonradschuhe, an deren Entwicklung ich maßgeblich mitgearbeitet habe. Hinzu kommen neue Reifen und das, was alle machen, also Lager- und Kettentuning.

Im vergangenen Jahr lautete der Slogan von Orca bei einem Werbefilm mit Dir: “You are only ready, when you feel it! It’s time to dream again!” Zusammengefast lautete vor einem Jahr Deine Antwort: „Ja, ich fühle mich schon gut, bin zuversichtlich und selbstbewusst.“ Und was fühlst Du dieses Jahr?
Ja, das ist auch in diesem Jahr so: ich fühle mich schon gut, ich bin zuversichtlich und selbstbewusst. Zweifel hat man jedoch immer, das ist vor großen Rennen üblich, das sollte auch so sein, denn wer keine hat, bei dem lief die Vorbereitung zu rund oder hat zu viel trainiert. 2015 beispielsweise war das auch bei mir der Fall, als ich unheimlich fit war und wenig Probleme hatte, es dann im Rennen aber gar nicht so lief, wie ich es mir vorgestellt hatte.

letzte Frage: Womit belohnst Du Dich nach einem für Dich perfekten Renntag?
Nach dem Rennen belohne ich mich mit einem dreitägigen Aufenthalt im Four Seasons Hualalei. Danach fliegen wir direkt nach Hause und freuen uns auf die Hochzeit meines Schwagers.

Interview: Klaus Arendt
Foto: Klaus Arendt (Archiv 2017)6