Ironman Frankfurt: die Sebastian Kienle-Show

Sebastian Kienle dominierte den Ironman Frankfurt 2017. Der 33-jährige Hawaii-Sieger von 2014 ist alter und neuer Ironman-Europameister.

 

3,8 Kilometer Schwimmen

Wie im vergangenen Jahr durften die Altersklassenathleten mit Neoprenanzug die Auftaktdisziplin im Langener Waldsee absolvieren, während die Profis erneut auf ihre Speedsuits zurückgreifen mussten. Aufgrund der warmen Außentemperaturen war jedoch nicht zu erwarten, dass es auf den ersten Radkilometern zu Unterkühlungen kommen könnte. Erwartungsgemäß führte der frühere Leistungsschwimmer Lukasz Wojt die Konkurrenz im Wasser an. Seine Ansage, den Streckenrekord von Jan Sibbersen aus dem Jahr 2004 zu knacken, schlug jedoch fehl. Anstatt Sibbersens 42:17 Minuten (mit Neoprenanzug) zu unterbieten, benötigte der Wojt 3:27 Minuten mehr. Trotzdem hatte der 35-Jährige sich gegenüber der Konkurrenz einen Vordsprung von 1:24 Minuten herausgearbeitet. Aus dem engeren Favoritenkreis lief Patrick Lange als Vierter (+1:28 Minuten), Andi Böcherer und Michael Raelert knapp dahinter aus dem Wasser in Richtung Zeitfahrrad. Sebastian Kienle benötigte an Position 21 liegend 50:11 Minuten.

177 Kilometer Radfahren

Andi Böcherer
Patrick Lange

Kaum auf dem Zeitfahrrad, begann für den Titelverteidiger Kienle die Aufholjagd. Bereits bei der ersten Zeitmessung in der Frankfurter Innenstadt nach 13,4 Kilometern hatte er seinen Rückstand gegenüber den weiterhin führunden Wojt bereits um gut zwei Minuten verkürzt, allerdings waren Lange und Böcherer bereits in Schlagweite. Kurz darauf übernahm Andi Böcherer den Platz hinter dem Führungsfahrzeug, gefolgt von Patrick Lange. Und Böcherer wollte bei seinem fünften Start in der Mainmetropole nach den Plätzen 7, 5, 3 und 2 anscheinend mehr. Er zündete den Turbo, baute seinen Vorsprung aus und fuhr einsam vorneweg. Lediglich ein paar Minuten hinter ihm liegend tat es ihm Sebastian Kienle gleich. Der Hawaii-Sieger von 2014 überholte einen Mitstreiter nach dem anderen, um noch auf der ersten Radrunde zwischen Bad Homburg (Ober-Erlenbach) und Bad Vilbel Patrick Lange zu überholen. Und von da an konnte keiner der Profiherren den beiden deutschen „Überbikern“ bis zur zweiten Wechselzone mehr Paroli bieten. Kienle schaffte es zwar noch, an Böcherer heranzufahren, mehr aber auch nicht. Alle anderen wurden – mit Ausnahme des Südafrikaners James Cunnama – zu Statisten. Selbst der bekannt starke Brite Philip Graves hatte auf den 180 Kilometern nicht den Hauch einer

Michael Raelert

Chance. Sein Rückstand in der zweiten Wechselzone betrug schon fast dreizehn Minuten! Und Michi Raelert? Der amtierende Ironman 70.3 Europameister verfolgte seine angekündigte Strategie, smart und clever zu fahren und sich nicht zu unkontrollierten Aktionen verleiten zu lassen. Das gelang ihm auch sehr lange, denn er hielt sich meist in der zweiten Verfolgergruppe um Platz 10 auf, musste dann aber im letzten Abschnitt der Radstrecke Federn lassen und stieg vorzeitig aus.

42,195 Kilometer Laufen

Sebastian Kienle

Fast gleichauf wechselten Andi Böcherer und Sebastian Kienle auf den abschließenden Marathon. Letzterer begann fulminant, indem er die ersten 9,7 Kilometer in nur 35:15 Minuten absolvierte. Andi Böcherer musste zu diesem Zeitpunkt schon einen Rückstand von fast einer Minute „verkraften“. Diejenigen, die an den Rennverlauf des vergangenen Jahres zurückdenken, erinnern sich daran und hofften darauf, dass der Freiburger in diesem Jahr auch das Kunststück fertig bringt, auf den letzten 15 Kilometern enorm Boden gut zu machen. Und da war ja noch Patrick Lange, der mit einem Rückstand von fast sechs Minuten vom Zeitfahrrad stieg! Allerdings steht hinter dem „Runner-up“ der letzten Weltmeisterschaften auf Hawaii noch ein großes und dickes Fragezeichen, konnte der Darmstädter aufgrund eines Knöchenödems im Fuß fast drei Monate kein richtiges Laufttraining absolvieren. Und die fehlenden Laufkilometer machten sich nach der ersten von vier Laufrunden bemerkbar, als der beim zweiten Wechsel gleichauf liegende James Cunnama ihn überholen konnte.

James Cunnama

Sebastian Kienle flog quasi entlang des Mainufers. Für die ersten 21,1 Kilometer benötigte er 1:18:15 Stunden. Andi Böcherer 1:20:30 Stunden, James Cunnama 1:19:59 und Patrick Lange 1:20:13 Stunden. Alles schien auf einen neuen Streckenrekord hinauszulaufen, es war sogar eine Zeit von unter 7:40 Stunden möglich. Patrick Lange fing sich zwischendurch noch eine zeitstrafe von einer Minute ein, weil sein Trainer Faris Al-Sultan zu lange neben ihm her lief.

Sebastian Kienle liess sich auch auf den verbleibenden zwei Laufrunden nicht mehr das Butter vom Brot nehmen, im Gegenteil, musste er im vergangenen Jahr bis zum Schluss um den Sieg zittern, konnte der alte und neue Ironman Europameister seinen Vorsprung gegenüber Böcherer sogar noch weiter ausbauen. Nach 7:41:42 Stunden war die Titelverteidigung perfekt und Kienle durfte sich über die kürzeste Langdistanz-Arbeitszeit seiner bisherigen Karriere freuen. In Frankfurt ist es Kienles insgesamt dritter Titel. Andi Böcherer wurde – wie im vergangenen Jahr – Zweiter. Seine Endzeit 7:46:07 Stunden. AUf den letzten Laufkilometern und der Zeitstrafe für Patrick Lange tat sich dann doch noch einiges. Patrik Nilsson schob sich noch an Lange und Cunnama vorbei auf Rang 3.

Endergebnis

  1. Sebastian Kienle nach 7:41:42 Stunden
  2. Andi Böcherer nach 7:46:07 Stunden
  3. Patrik Nilsson  nach 7:50:16 Stunden
  4. James Cunnama nach 7:51:02 Stunden
  5. Ivan Tutukin nach 7:51:56 Stunden
  6. Patrick Lange nach 7:52:06 Stunden

alle Ergebnisse

Anmerkung: Sebastian Kienle pulverisierte Jan Frodenos Streckenrekord (7:49:48 Stunden) aus dem Jahr 2015. Allerdings muss an dieser Stelle betont werden, dass die Radstrecke aufgrund einer Baustelle in Friedberg um drei Kilometer kürzer war, was jedoch die leistung von Sebastian Kienle in keinster Weise in Abrede stellen soll.

Die Marathonzeiten waren bei einem der wohl schnellsten Ironman-Rennen der Geschichte ebenfalls sehr schnell: Nilsson in 2:40:58 Stunden, Tutukin in 2:42:40 Stunden, Kienle in 2:45:09 Stunden, Cunnama in 2:48:49 Stunden, Lange in 2:49:40 Stunden und Boecherer in 2:49:48 Stunden.

Zwischenstand Eingang Wechselzone 1

  1. Wojt, Lukasz (GER) PRO SV Würzburg 05 00:45:44
  2. Albert, Marko (EST) PRO 21CC Triatloniklubi +01:24 00:47:08
  3. Lopez Diaz, Carlos (ESP) PRO +01:26 00:47:10
  4. Lange, Patrick (GER) PRO +01:28 00:47:12
  5. Alfaro San Ildefonso, Peru (ESP) PRO +01:29 00:47:13
  6. Nilsson, Patrik (SWE) PRO Terrible Tuesday Tri… +01:31 00:47:15
  7. Risti, Ivan (ITA) PRO +01:33 00:47:17
  8. Boecherer, Andi (GER) PRO +01:37 00:47:21
  9. Raelert, Michael (GER) PRO +01:48 00:47:31
  10. Alonso-Mckernan, Clemente (ESP) PRO +01:57 00:47:41

Zwischenstand Eingang Wechselzone 2

  1. Boecherer, Andi (GER) PRO 04:55:19
  2. Kienle, Sebastian (GER) PRO +00:09 04:55:28
  3. Lange, Patrick (GER) PRO +05:58 05:01:16
  4. Cunnama, James (RSA) PRO +05:59 05:01:17
  5. Albert, Marko (EST) PRO 21CC Triatloniklubi +12:48 05:08:07
  6. Molinari, Giulio (ITA) PRO +12:51 05:08:10
  7. Scheltinga, Evert (NED) PRO +12:52 05:08:10
  8. Nilsson, Patrik (SWE) PRO Terrible Tuesday Tri… +12:53 05:08:11
  9. Tutukin, Ivan (RUS) PRO RedLava Team +12:54 05:08:12
  10. Graves, Philip (GBR) PRO +12:56 05:08:14

 

Text: Klaus Arendt
Fotos: Klaus Arendt | Armin Schirmaier | Jennifer Eisenhuber